Anfang und Ende der Kreativität

Traumwandler

Weiß.

Ein weißes Blatt Papier.

Nichts war schlimmer. Nichts war endgültiger. Nichts war machtvoller. Nichts war mehr, nichts war weniger als ein weißes Blatt Papier.

Es fesselte seinen Blick. Sein Auge löste sich nicht davon. Er fixierte es. Starrte es an.

Das Weiß. Weiß. Das weiße Blatt Papier.

Es verunsicherte ihn. Es verwirrte ihn. Es zerrüttete ihn.

Was schrieb man darauf? Mit was konnte er diese Leere denn füllen? Mit was konnte er sie vernichten, bekämpfen und besiegen? Er steckte seine Hand aus, seine Finger strichen suchend über die glatt polierte Oberfläche des Tisches bis er auf ein Hindernis stieß. Mit einer unsicheren Geste umschlossen seine Finger den Stift, dann zog er die Kappe ab und verharrte mit zitternder Schreibfeder über dem Papier. Sein Schatten malte unruhige Linien, Kreise und Muster auf das Blatt. Sie vertrieben die Leere mit Leben, mit vergänglichen Leben, veränderlichen Leben, verflüchtigten Leben.

Und doch blieb es, was es war: Ein weißes Blatt Papier. Weiß. Sollte er…? Sollte er nicht…? Konnte er…? Konnte er nicht…? Er war sich nicht sicher. Die Unsicherheit bedrückte ihn und überdrückte ihn. In seinem Mund breitete sich ein flaues Gefühl aus und der Klos in seinem Hals wollte sich nicht herunterschlucken lassen. Er musste es tun. Er musste anfangen. Aber das war leichter gesagt, als getan. Seine Augen schlossen sich, er atmete zitternd ein und aus, dann öffnete er sie wieder. Er würde es jetzt beenden. Ende des weißen Blatt Papieres! Ende der Unsicherheit! Ende der Angst! Er wiederholte diese Formel immer und immer wieder in seinem Kopf, dann ließ er seinen Arm auf den Tisch fallen wie eine losgelöste Falle, in welcher sich ein kleines Tier verfangen hatte. Ein Knall. Das Blatt hob sich unter dem leichten Wind.

Er setzte seinen Stift an und begann mit einem zögernden Bogen den ersten Buchstaben zu schreiben. Ein Buchstabe, zwei Buchstaben, drei. Aus Buchstaben wurden Worte. Eins, zwei, drei, vier … Sätze … Absätze … Gedanken. Gedanken begannen sich zu bilden, zu bauen. Stein auf Stein. Das Fundament mit einem Tor, Fenster und Zinnen. Ein Turm. Ein hoher, schlanker Turm, welcher sich in den Himmel schraubte. Wehrgänge, Treppen mit hunderten von Treppenstufen. Und Zimmer … Zimmer über Zimmer. Große wie kleine. Quadratische wie rechteckige. Vorratskammern, Küchen, Schlafzimmer und ein großer Ballsaal. Ein Ballsaal, in welchen sich Paare beim Tanz drehten. Drehten und kreisten. Ein buntes Treiben, ausgelassen, fröhlich. Paare und Diener. Diener, welche das Essen brachten, Wein nachschenkten und mit größter Vorsicht und Geschicklichkeit den Feiernden auswichen. Es wurde gescherzt und gelacht. Nichts konnte diese Stimmung trüben, nichts sie verschlechtern. Sie waren eins. Sie alle waren eins, denn sie alle gehörtem ihm. Nur ihm. Sie waren seine Geschöpfe, seine Lebewesen, seine Welt. Er hatte sie geschaffen. Er hatte sie geboren, wie die Mutter das Kind. Er würde auch für immer für sie verantwortlich sein, musste sie versorgen und sie beschützen.

Seine Burg. Seine kleine Welt. Sein Phantasiekonstrukt.

Mit schmerzender und stechender Hand hob er seinen Blick. Auf dem Tisch überlagerten sich Seiten um Seiten, aber keine einzige war weiß. Sie waren beschrieben. Von einer kleinen, engen Handschrift. Beschrieben, Zeile um Zeile. Beschrieben mit Tinte. Beschrieben mit seiner Selbst. Gedanken überdeckten es. Überdeckten das weiß.

Es war verschwunden unter der Burg, begraben unter den Tänzern. Nur eine Schneeflocke fiel vom nächtlichen Himmel. Sie segelte an den Dächern vorbei, legte sich an ein Fenster und schmolz. Zurück blieb ein Wassertropfen. Ein Tropfen, in welchen sich die bunten Kleider einer ewigen Festgesellschaft spiegelte – sich wiegen im Tanz.

Bild: pixabay

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